basta Wissen: Die rechtsextreme Szene

Von der Kameradschaft zum Gruppenzwang

Es schweißt mächtig zusammen, dass man vom Staat verfolgt und von
einer Mehrheit abgelehnt wird. Ich kam mir manchmal vor wie ein Geächteter, ein ‚Outlaw’. Alles ändert sich, sogar die Sprache.

Aus einem T-Shirt wird ein ‚T-Hemd’, aus der Homepage eine ‚Heimatseite’, aus einem Faxgerät eine ‚Fernablichtungsmaschine’. Michael Jackson ist tabu. Der hat die ‚falsche’ Hautfarbe und spricht
die ‚falsche’ Sprache. Die Partei hat eine strenge Hierarchie. Da darf nur stramm rechts gedacht werden. Die Kameradschaft entpuppte sich als reine Unterordnung. Du giltst nur noch als Bestandteil des Ganzen. Als Mensch bist du völlig wertlos. Ich musste erst durch Mutproben und stramme Gesinnung beweisen, dass ich kein Feigling bin. Ich bin in der NPD (Nationaldemokratische Partei) dann zum Schreibtischtäter aufgestiegen und habe Pressearbeit gemacht. Dann ist mir bald klar geworden, dass die Kader die Drecksarbeit von den Jüngeren, den 15 bis 18-Jährigen machen lassen; mit Bier und Schnaps wird die Hemmschwelle herabgesenkt. Irgendwann konnte ich die Zweifel nicht mehr verdrängen. Was für einen Sinn macht es, wenn Jugendliche, durch unsere Parolen verführt, einen Ausländer oder einen Obdachlosen mit Stiefeltritten traktieren? Oder einen Brandsatz in ein Asylbewerberheim werfen, bei dem Kinder verbrennen können? Ich will, ich muss aussteigen, und weiß, dass es hart ist. Wenn das Aussteigen nicht so schwer wäre, gäbe es einige Neonazis weniger.“

Text: Zusammengestellt aus Erfahrungsberichten der NPD-Aussteiger Sascha Stange und Jörg Fischer. IN: Stern-Magazin, Nr. 36/2000 und Rhein Zeitung, 24.10.2000.